Gute Handelsbeziehungen mit der EU: Sind Schweizer KMU darauf angewiesen?
Begeht die Schweiz einen «Riesenfehler», wenn sie dem Abkommenspaket mit der EU zustimmt? Oder droht bei einem Nein den KMU grosse Mehrkosten?
Die Behauptung: «Unternehmen müssen ihre Produkte heute in der EU zertifizieren lassen, das stimmt. In der Praxis ist das jedoch kein wirkliches Problem, da wir die EU-Normen anerkennen.»
Quelle: Finanzinvestor und Partners-Group-Gründer Alfred Gantner (Neue Zürcher Zeitung; 29. April 2025)

Von Michel Guillaume
In einem Interview mit der NZZ vom 29. April 2025 äussert der Finanzinvestor Alfred Gantner die Ansicht, die Schweiz würde einen «Riesenfehler» begehen, wenn sie dem Abkommenspaket mit der EU zustimme. Seiner Meinung nach seien die wirtschaftlichen Vorteile des bilateralen Weges für die Bürgerinnen und Bürger «gering». «Die Schweiz ist dabei, ihre Standortvorteile ohne Not aufzugeben», warnt Alfred Gantner. Seiner Meinung nach seien die wirtschaftlichen Vorteile des bilateralen Weges für die Bürgerinnen und Bürger «gering». «Die Schweiz ist dabei, ihre Standortvorteile ohne Not aufzugeben», warnt Alfred Gantner.
Diese Aussage von Finanzinvestor Alfred Gantner ist jedoch nicht korrekt. Die Schwierigkeiten, mit denen die Medizintechnikbranche (Swiss Medtech), die 70.000 Arbeitsplätze bereitstellt, konfrontiert war, zeigen vielmehr, was im Falle einer Erosion des bilateralen Weges geschehen könnte.
Im Mai 2021 brach der Bundesrat die Verhandlungen mit der EU einseitig ab. In der Folge verweigerte Brüssel die notwendigen Aktualisierungen des Abkommens über die gegenseitige Anerkennung (MRA für «Mutual Recognition Agreement») im Bereich der Medizinprodukte und später auch im Bereich der In-vitro-Diagnostika. Für alle Schweizer Wirtschaftsbranchen sind solche regelmässigen Aktualisierungen von zentraler Bedeutung. Insgesamt deckt das MRA zwei Drittel des Werts des Handels mit Industrieprodukten zwischen der Schweiz und der EU ab, was einem Exportvolumen von 96,6 Milliarden Franken (2023) entspricht.
Bereits ab 2021 mussten sich die Mitglieder von Swiss Medtech an die neue Situation anpassen. Laut einer Infras-Studie führte dies zu zusätzlichen Kosten. Zunächst fielen einmalige Kosten in Höhe von 0,3 bis 0,7 % des Umsatzes an. Hinzu kamen laufende jährliche Aufwendungen zwischen 0,1 und 0,4 %. Das mag gering erscheinen, doch diese Durchschnittswerte werden stark von grossen Unternehmen beeinflusst, bei denen die zusätzlichen Belastungen im Verhältnis zum Umsatz vergleichsweise niedrig sind.
Für KMU hingegen sind diese Kosten deutlich höher. So stiegen bei einem Viertel von ihnen die einmaligen Zusatzkosten auf 9,3 % oder mehr des Umsatzes, während sich die laufenden jährlichen Kosten auf 2,3 % beliefen. Drei Jahre nach der Entscheidung der EU sind diese zusätzlichen Belastungen weiterhin erheblich. Für einige KMU hat das Ausbleiben einer Aktualisierung des MRA zu existenziellen Problemen geführt.
Darüber hinaus hat die daraus resultierende Rechtsunsicherheit in der Schweiz negative Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen. Zudem verzichten laut Swiss Medtech inzwischen 1.200 ausländische Hersteller (von insgesamt 5.000) darauf, den Schweizer Markt zu beliefern. Eine Aktualisierung des MRA würde somit unnötige administrative Kosten für die Unternehmen vermeiden und zur Verbesserung der Versorgungssicherheit mit Medizinprodukten in der Schweiz beitragen.
Am 30. August 2025 veröffentlichte Swiss Medtech die Ergebnisse einer vom Institut gfs.bern unter seinen 800 Mitgliedern durchgeführten Umfrage. Daraus geht hervor, dass 73 % der Unternehmen das Abkommenspaket mit der EU als «wichtig für ihre eigene Tätigkeit» einschätzen und sogar 83 % als «wichtig für die gesamte Branche». Die Schlussfolgerung des Präsidenten von Swiss Medtech, Damian Müller, lautet: «Der bilaterale Weg ist für die Medizintechnikbranche unverzichtbar». Es handelt sich um eine entscheidende Frage für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Jeder dritte Arbeitsplatz hängt direkt von Aufträgen aus der EU ab. Der Wettbewerb ist hart, und die Medtech-Unternehmen sind auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen.»
Tatsächlich sind die kritischen Stimmen deutlich in der Minderheit. «Sie sind fast ausschliesslich ideologischer oder institutioneller Natur», hält die Branche fest.
Die Gegner der EU stellen diese immer wieder als «bürokratisches Monster» dar. Historisch gesehen trifft jedoch eher das Gegenteil zu. In vielen Bereichen hat Brüssel das sogenannte „Omnibus“-Programm umgesetzt. Dessen Ziel ist es gerade, technische Handelshemmnisse abzubauen, indem bestehende Regeln auf dem europäischen Markt vereinfacht und harmonisiert werden – mit dem übergeordneten Ziel, die Agilität der europäischen Unternehmen zu maximieren.