Warum Spitäler ohne EU-Personal an den Anschlag kämen
Das Schweizer Gesundheitswesen funktioniert zurzeit zu einem bedeutenden Teil mit Ärztinnen und Pflegern aus dem nahen und ferneren Ausland. Ohne sie drohe der Kollaps, warnen die Beteiligten.
Die Behauptung: «Allfällige Einschränkungen bei der Rekrutierung ausländischer Fachkräfte wären nicht schlecht. Das würde den Druck auf die Spitäler erhöhen, «etwas gegen das ungebremste Mengenwachstum im Gesundheitswesen zu unternehmen». Zudem würde sich die Nachhaltigkeitsinitiative auch dämpfend auf die Zahl der Patienten auswirken.»
Quelle: SVP-Nationalrat Thomas de Courten (NZZ am Sonntag; 29. Dezember 2025).

Von Eva Novak
Dass es im Gesundheitswesen ein Mengenwachstum gibt, welches zu steigenden Krankenkassenprämien führt, ist unbestritten. Doch das liegt nicht an den ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, sondern am medizinischen Fortschritt und an den wachsenden Ansprüchen einer alternden Bevölkerung. Die Verbände der Ärzte und Pflegenden, Spitäler, Kassen, Kantone und Bund sind sich deshalb einig: Um die Versorgung sicherzustellen, brauche es Zugewanderte.
Die Schweiz bildet seit über zehn Jahren nicht einmal 30 % ihrer Ärztinnen und Ärzte selbst aus. Gemäss den aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) (vom Mai 2025) stammen 70% der rund 4’000 neuen Arztdiplome, die jedes Jahr neu anerkannt werden, aus dem Ausland. Ohne sie ginge es nicht: «Wir sind auf die Ärztinnen und Ärzte aus den Nachbarländern angewiesen, weil sonst die ärztliche Versorgung kollabieren würde», sagt Yvonne Gilli, Präsidentin der Ärztevereinigung FMH.
Ähnlich sieht es in der Pflege aus, einem Bereich, in dem das Personal europaweit zunehmend knapp wird. Gemäss dem Schweizerischem Gesundheitsobservatorium hatte im Jahr 2023 knapp 22 % des Pflege- und Betreuungspersonals einen ausländischen Abschluss – Tendenz steigend.
Je näher das Spital an der Grenze liegt, desto höher der Anteil des nichtschweizerischen Personals. Im Universitätsspital Basel hat fast die Hälfte der Belegschaft einen ausländischen Pass. Am Universitätsspital Zürich USZ arbeiteten zum Jahreswechsel 3’528 Mitarbeitende aus dem EU/EFTA-Raum, was rund einem Drittel der Belegschaft entspricht. Davon waren gemäss USZ 51.3 % in der Ärzteschaft tätig und 37.3% in der Pflege.
Im Kanton Solothurn, um ein weiteres Beispiel zu nennen, liegen diese Anteile zwar etwas tiefer. Doch auch da wäre die flächendeckende medizinische Versorgung ohne Personal aus dem EU/EFTA-Raum «nicht mehr gewährleistet», warnte kürzlich der Regierungsrat. In seiner Antwort auf eine Interpellation aus dem Kantonsparlament listete er eine Reihe möglicher Folgen auf – von erheblichen Qualitätseinbussen über längeren Wartezeiten für Patientinnen und Patienten bis hin zu steigenden Gesundheitskosten.
Bei der Berner Inselgruppe stammt rund ein Viertel des Personals aus dem Ausland, vorwiegend aus dem EU/EFTA-Raum. Schon jetzt wird der anhaltende Fachkräftemangel als «massive Herausforderung» bezeichnet, welche durch einen erschwerten Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt weiter wachsen würde.
Der Fachkräftemangel ist mit ein Grund, warum die Kantone die Nachhaltigkeitsinitiative ablehnen. Gemäss der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren GDK würde diese «dem Gesundheitswesen massiv schaden und den bereits heute bestehenden Arbeitskräftemangel im Gesundheitswesen noch verschärfen».
Die Schweiz müsse mehr eigene Fachkräfte ausbilden, verlangt die SVP in ihrer jüngsten Parteizeitung. Doch das geht nicht von heute auf morgen, nachdem jahrelang zu wenige Ärztinnen und Ärzte ausgebildet wurden. Zuerst müssen die Ausbildungsplätze erhöht werden, damit anschliessend mehr Ärztinnen und Ärzte studieren und ihre Facharztausbildung absolvieren können. «Wir verlieren mindestens ein Jahrzehnt, wenn nicht 15 Jahre», sagt FMH-Präsidentin Gilli.
Thomas de Courten relativiert seine Aussage inzwischen. Auf Anfrage schreibt er, dass er es heute, anderthalb Monate später und nach Konsultation des neusten Arbeitsmarktberichts des SECO, so formulieren würde: «Im Bereich der Gesundheits- und Sozialberufe besteht noch erhebliches inländisches Arbeitskräftepotential. Bei der Arbeitslosenversicherung sind derzeit über 10'000 Stellensuchende registriert. Ein höherer Druck auf die Spitäler, dieses Potential besser auszuschöpfen, statt die Zuwanderung aus dem Ausland anzuheizen, ist gerechtfertigt.»
An seiner Aussage, dass sich die Initiative dämpfend auf die Patientenzahlen auswirken würde, hält de Courten hingegen fest. Dazu gibt es zwar keine Daten. Es scheint aber naheliegend, dass weniger ausländische Patientinnen und Patienten die Schweizer Spitäler benötigen würden, wenn weniger Menschen aus dem Ausland zuwandern. Nur: Ob das Gesundheitswesen damit entlastet wäre, ist fraglich.
Denn eine Studie des Bundesamtes für Statistik vom vergangenen Sommer zeigt, dass ausländische Staatsangehörige tiefere Kosten zulasten der obligatorischen Krankenversicherung verursachen als Schweizer Versicherte – im Durchschnitt um 28 Prozent oder rund 1'000 Franken weniger pro Kopf und Jahr. Das liegt nicht zuletzt an der Altersstruktur: Die Schweizer Bevölkerung altert zunehmend, in den letzten Lebensjahren steigen die Gesundheitskosten massiv. Demgegenüber sind viele Zugewanderte jünger – und wandern, bevor sie ins kritische Alter kommen, wieder aus.